Putacion/Paraguay, 17.5.2039

Es war schon früher Nachmittag, als Lukas die Treppen zu Antonios Kellerwohnung herunterstieg. Viel Zeit hatten sie nicht, vielleicht 3 oder 4 Stunden, dann würde für ihn die allabendliche Ausgangssperre in Kraft treten. Bis 19 Uhr musste er zurück in der Unterkunft sein, das hatten die Behörden von Putacion so verfügt, nachdem es vor ein paar Wochen massiven Ärger gegeben hatte. Natürlich konnte er nichts dafür, und die allermeisten Europäer, die in seinem Containerlager wohnten, auch nicht; höchstens vielleicht diese paar Bekloppten aus Block 4, die gerne durch die Stadt zogen und ihre paar Pesos in Zuckerrohrschnaps umsetzten. Idioten hast du halt überall. Lukas sah zu, dass er sich von denen fernhielt, aber für die Einheimischen waren sie halt alle nur „die Europäer“, die seit ein paar Jahren massenhaft in Paraguay ankamen, aus Gründen, für die sich die wenigsten Leute hier interessierten. Irgendein Kontinent am anderen Ende des Ozeans ist zu Staub und Asche gebombt worden? Unbewohnbar? Nuklear verseucht? Pech für euch, wir können doch nicht alle Hungerleider der Welt aufnehmen, guckt mal auf die Karte, wie klein Paraguay ist, woanders ist viel mehr Platz, zieht Leine. Vor ein paar Wochen hatte es dann geknallt. Nicht so wie zu Hause in Luckenwalde, wo nichts mehr lebte, das größer als eine Ratte war, nein, so war es nicht, aber es hatte geknallt. Lukas hatte keine Ahnung was passiert war, wer angefangen hatte, die Bekloppten aus Block 4, falls die an dem Abend überhaupt dabei gewesen waren, oder die Leute von PAPACEDES, die „Patriotes Paraguayos contra la Europificacion de Sudamerica“, die jeden Montag zu Tausenden durch die Straßen von Putacion zogen, ausländerfeindliche Parolen brüllten und gelegentlich auch schon mal einen einheimischen Journalisten verprügelten, wenn der eine Frage stellte, die ihnen nicht in den Kram passte. Niemand wusste, was an dem Abend wirklich passiert war, jedenfalls hatten ihnen die Securities im Lager nachher einen längeren Vortrag gehalten, im ganz normalen Putacioner Stadt-Slang, einem hastigen, nuscheligen Gebrabbel voller halbverschluckter Silben, von dem selbst die Spanier unter den Bewohnern der Unterkunft nur vereinzelte Brocken verstanden. Danach hatten sie dann in ihren Containern gesessen und versucht, sich einen Reim darauf zu machen. Lukas hielt sich in solchen Fällen an Werner, der vor dem Krieg eine Finca auf Mallorca besessen hatte und fließend Spanisch sprach, und Werner sagte, es hätte Ärger gegeben. Was genau, das hatte er nicht verstanden. Sie sollten das Lager besser nach 19 Uhr nicht mehr verlassen. Ob das jetzt eine polizeiliche Vorschrift oder nur ein „gutgemeinter Ratschlag“ gewesen sein sollte und welche Konsequenzen ihnen bei Zuwiderhandlung drohen würden, das hatte er auch nicht verstanden, aber „geh mal davon aus: Ausgangssperre nach 19 Uhr“. Und so war es dann eben.

Antonio saß wie immer in seinem schummrig beleuchteten Keller vor seiner Sammlung historischer Computer, klobige Stahlkästen, die sie damals „Desktop“ genannt hatten, mit lächerlich geringer Leistung, dafür aber mit eingebauten Ventilatoren, die ein ständiges surrendes Rauschen im Raum erzeugten, und so umständlich in der Handhabung, dass Lukas sich überhaupt nicht vorstellen konnte, dass jeder normale Mensch im Jahre 2015 so ein Ding zu Hause gehabt hatte. Antonio hatte mal was dazu erklärt, was Lukas wahrscheinlich selbst auf Deutsch nicht kapiert hätte. Er hatte sich nie sonderlich für Technik interessiert. Es gab sie halt. Du nimmst den globe aus der Tasche, der globe rollt sich aus und zeigt dir die icons, und du guckst das icon an und blinzelst zweimal, und dann funktioniert das genau so, wie es funktionieren soll, und wenn es nicht funktioniert, dann kannst du das Ding wegschmeißen und fertig.

„Hola“, sagte Antonio, ohne sich umzudrehen, und schob gleich eine Frage nach, ein genuscheltes Knurren, von dem Lukas nur die Worte „lapiz USB“ verstand. Das genügte ihm. Soviel Spanisch konnte er inzwischen: „Lapiz USB“ war das Ding in seiner Hosentasche, dieses Plastikteil, ungefähr so groß wie sein kleiner Finger, mit einer Verschlusskappe an einem Ende, unter der sich ein Steckkontakt befand. Er hatte gar nicht gewusst, dass er das dabeihatte, bis er im Erstaufnahmelager in Ciudad de Ferreteria, wo alle Flüchtlinge aus Europa durchgeschleust wurden, gefilzt worden war. Das Lapiz USB hatte in der Mappe mit den Dokumenten gesteckt, die sie in aller „Eile“ – Panik wäre die treffendere Bezeichnung – zusammengesucht hatten, vor 2 Jahren in zu Hause in Deutschland, als es eines Nachts um halb 2 Sturm geklingelt hatte und Peter vor der Tür gestanden und gesagt hatte, ich habe eine Passage nach Griechenland, geht in einer halben Stunde, es gibt noch Platz, packt eure Sachen. Es war Stromsperre gewesen, und im Taschenlampenschein hatten sie das Nötigste aus den Schränken und Schubladen gezerrt und in ihre Taschen gestopft, um sich dann dem Autopiloten des Containerlasters anzuvertrauen, 31 Stunden von Luckenwalde bis in ein Gewerbegebiet in einem Außenbezirk von Athen, wo sie dann den Tag über den Container nicht verlassen durften -

„Lapiz USB?“ Antonios Frage, zum zweiten Mal, ließ Lukas unsanft im hier und jetzt landen. „Perdon“, murmelte er, griff in seine Hosentasche und gab Antonio das kleine Plastikding. Antonio steckte das Lapiz USB in seinen „Desktop“ Baujahr 2011, und nach ein paar Sekunden erschien ein Icon auf dem Bildschirm, das Antonio mit dem „raton“ aktivierte, einem Gerät von der Größe einer Kinderfaust, das an den Desktop angeschlossen war (mit einem KABEL!) und offensichtlich dazu diente, irgendwelche Funktionen zu starten.

Der Desktop gab ein paar zusätzliche kratzende Geräusche von sich und auf dem Bildschirm erschien ein Symbol:

Antonio bewegte noch einmal das Raton und blinzelte das Symbol an. Oder was auch immer man statt „blinzeln“ sagt, wenn man ein Raton benutzt.

Der Text kommt vom Papst (GZ)


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