Der Blumenstrauß

Herr Linsenmilch pflückte einen Blumenstrauß, den wollte er seiner Frau schenken. Allerdings hatte er keine Frau. Aber er hatte ein sonniges Gemüt und wußte, daß schenken glücklich macht, also schenkte er den Blumenstrauß einem Fremden, den er zufällig traf. Das war Herr Prillkemper. Herr Prillkemper freute sich über den Blumenstrauß, und noch mehr freute er sich über das gesparte Geld, denn er hatte soeben vorgehabt, bei Blume 2000 einen Blumenstrauß zu kaufen, um die Gunst der von ihm begehrten Frau Grumbach zu gewinnen. Dies glückte ihm nun mit Hilfe des zufällig in seinen Besitz gelangten von Herrn Linsenmilch gepflückten Blumenstraußes, wobei er Frau Grumbach – ohne ausdrücklich lügen zu müssen – in dem Glauben beließ, er, Prillkemper, habe die Blumen eigenhändig in seinem eigenen Garten gepflückt.
Da Frau Grumbach die vollendete Gestalt des Linsenmilchschen Blumenstraußes also fälschlicherweise für Herrn Prillkempers Werk hielt, nahm dieser ihr Herz im Sturm. Frau Grumbach wurde seine Geliebte, seine Muse und sein Fotomodell, denn Herr Prillkemper war Fotograf (wenn auch mit ergänzendem Bezug von ALG2).
Nun war es so, daß sowohl die Schönheit der Frau Grumbach als auch das fotografische Können des Herrn Prillkemper für sich genommen bestenfalls mittelmäßig zu nennen gewesen wären, jedoch haben wir es hier mit einem jener Fälle zu tun, in denen zwei ideal zueinender passende Scharlatane einander genau die Umgebung bieten, in der sie als Genies erscheinen und Werke von einer Originalität hervorbringen, nach der manche großen Künstler ihr Leben lang vergeblich suchen. Anders wäre es kaum zu erklären, daß die Bilder, die Herr Prillkemper von Frau Grumbach machte, bei Liebhabern der erotischen Fotografie bald als Geheimtipps galten und auf einschlägigen Auktionen bis zu sechsstellige Kaufpreise erzielten. Der Fotograf und sein Modell avancierten zum Traumpaar unter den Reichen und Schönen, sie spielten Billard mit Thomas Gottschalk und wurden in langgestreckten Limousinen mit getönten Scheiben, die Kinos, Minibars und Kondomautomaten enthielten, nach Monte Carlo vorgefahren, um mit Karl Lagerfeld zu Abend zu essen.
Eines Tages ging Frau Grumbach beim Shoppen auf dem Kurfürstendamm an einem Mann vorbei, der auf dem Straßenpflaster saß und auf einer Decke, die vor ihm lag, etwa 20 Blumensträuße zum Verkauf anbot. Ihr war dieser Mann unbekannt; der geneigte Leser jedoch ahnt, dass es sich um niemand anderen als genau jenen Herrn Linsenmilch handelte, von dem zu Anfang dieser Geschichte die Rede war, und der durch den Verkauf seiner Blumensträuße auf dem Kurfürstendamm seinen bescheidenen Lebensunterhalt bestritt, immer auf der Hut vor gereizten Ladeninhabern, Rudeln wohlstandschauvinistischer Abiturienten, Anhängern rechtsextremer Parteien und der Polizei.
Da Frau Grumbach ihr Auge für das Schöne, Erhabene und Wohlgeformte immer offenzuhalten bemüht war, entging ihr die Vortrefflichkeit dieser Blumensträuße keineswegs.
„Unglaublich!“, sagte sie zu sich, „ein einziges Mal in meinem Leben war es mir vergönnt ein floristisches Kleinod von solcher Vollendung betrachten zu dürfen. Dies war, als Herr Prillkemper mir den Hof machte, und es war, als ob eine höhere Gewalt in mein Leben trat und alles zum Guten wendete – für mich, aber auch für ihn, denn der Beginn des Weges, der aus der Tristesse unserer beider bisherigen Existenzen in die Welt des Glanzes, des Ruhms und der Sorglosigkeit führte, war jener eine Blumenstrauß! Dieser Mann jedoch verfügt über mehr als ein Dutzend solcher Blumensträuße. Trotzdem sitzt er als fliegender Händler auf dem Straßenpflaster, zwischen Hundekot, Zigarettenstummeln und zertretenen Pappbechern, anstatt die Chancen zu ergreifen, die sich ihm zweifellos in Hülle und Fülle bieten. Sicherlich ist sein Charakter von Trotz, Neid und Undank zerfressen; er weigert sich beharrlich, selbst die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen, und schimpft statt dessen auf alle, denen es besser geht; wahrscheinlich sogar auf die, denen es nicht besser geht. Wie wäre seine Situation sonst zu erklären? Er verdient kein besseres Leben; ja: er verdient nicht einmal das Leben, das er führt!“
Frau Grumbach schaute, ohne dem Verkäufer das Gesicht zuzuwenden, auf die Decke mit den Blumen herunter und schüttelte unmerklich den Kopf. Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts kam, forderte Herrn Linsenmilch auf seine Sachen zu packen und zu verschwinden, und begründete dies mit den für den Kurfürstendamm geltenden Vorschriften. Frau Grumbach verspürte Genugtuung über diese Amtshandlung; da sie aber grundsätzlich zu der Ansicht neigte, Amtshandlungen gingen sie nichts an, wandte sie sich ab, betrat ein Geschäft und erwarb dort eine hochwertige Handtasche eines Premiumlabels, das an dieser Stelle namentlich nicht genannt werden möchte.

Der Text ist vom Papst