Kopfstand 1

[Was bisher geschah]

DER BLUMENSTRAUSS

Herr Linsenmilch pflückte einen Blumenstrauß, den wollte er seiner Frau schenken. Allerdings hatte er keine Frau. Aber er hatte ein sonniges Gemüt und wußte, daß schenken glücklich macht, also schenkte er den Blumenstrauß einem Fremden, den er zufällig traf. Das war Herr Prillkemper. Herr Prillkemper freute sich über den Blumenstrauß, und noch mehr freute er sich über das gesparte Geld, denn er hatte soeben vorgehabt, bei Blume 2000 einen Blumenstrauß zu kaufen, um die Gunst der von ihm begehrten Frau Grumbach zu gewinnen. […weiter]

Lukas saß allein in der unaufgeräumten und stickigen Kellerwohnung im letzten verbliebenen Altbaukiez von Putacion herum. Während er leise vor sich hin las hatte Antonio noch eine Weile auf die Unverständlichen Wörter in seinem Rechner geschaut und den Ventilatoren gelauscht. Dann war er aufgestanden und gegangen. Lukas hatte das kaum wahrgenommen. Als Lukas den Text fertig gelesen hatte, blinzelte er in den 16 Ordnern herum, die auf dem Lapiz USB gespeichert waren. In den Ordnern waren eigenartige Dateien wie jpg, rtf, oder mp3. Was immer das auch heißen mochte. Das mit den 16 Ordnern aber, das musste ja irgendeinen Sinn machen. Dachte Lukas und öffnete KOPFSTAND1. Und dann die erste Datei:

Und was sollte das hier sein? Mp3?

Wer war dieser Barroso?

„Reichsflugscheiben“ – sowas Beklopptes hatte Lukas noch nie gehört. Kein Wunder, dass das mit dem Frieden nicht geklappt hatte! Was war das? War das die legendäre Berliner Vorkriegkultur mit ihrem legendären Zynismus? Lukas kannte das alles nur aus den manchmal etwas schwelgerischen Erzählungen seiner Großeltern, von denen der „Lapiz USB“ ja wohl kommen musste. Eine Lesebühne hatten sie gehabt und sich nach dem Lesen betrunken. Partys, Konzerte, Kneipen, Demonstrationen für oder gegen irgendetwas – für ihn waren das alles Geschichten von einer anderen Galaxie gewesen. Als kleines Kind hatte er das spannend gefunden. Später ging ihm das Gelaber irgendwie auf den Zeiger. Was hatte das mit ihm zu tun? Mit dem paramilitärischen Training auf dem Schulhof in Luckenwalde und der darauffolgenden Einberufung. Beziehungen hatten sie offensichtlich keine geknüpft, und Geld hatten sie auch nicht. An die Front, kleiner Lukas! Danke Welt! Er hatte das selbst machen müssen. Er hatte Peter beim Bombenkratertauchen kennengelernt. Und der, der hatte Beziehungen. Zum Glück! Deshalb war er überhaupt so weit gekommen. Bis hierher nach Putacion/Paraguay. Jetzt wo er so weit weg war und in Sicherheit, wollte er doch das versunkene Land noch einmal erkunden. Da war dieses Personen.rtf. Eine Textdatei? Vollgestopft mit Namen und Geschichten? Kannte er diese Personen?

Martina:

- Geboren in Freital.
- Das Übliche: Jungpionier, Thälmannpionier, statt FDJ die Wende
- Spielte Badminton, ziemlich gut
- Nach 1990 aber Sporthalle abgewickelt und an reichen Wessi verkauft, heute Supermarkt
- Punkerin in Dresden, klebstoffschnüffelnd in diesem Abrisshaus in der Alaunstr. Neben der Scheine
- Irgenwann alles zu krass. Kurz mal Jesus – Freak.
- Dann Techno. Ging schnell. Aufgelegt. Nach Berlin gezogen und die Fusion mitgegründet.
- Durch ihren Lover Esotante geworden. Betreibt einen Laden namens „HEALING & FEELING“ in der Sredzkistr.
- Trinkt hin und wieder einen Wein in der BAIZ

Die hatten Probleme! Wer war das überhaupt – diese Martina? Was sollte das sein? Healing & Feeling? Was zu Essen schon mal nicht. Um so etwas mussten die sich anscheinend keine Sorgen machen!

So lebten die damals also! Und was war das hier? Laptop? verbranntes Fleisch?

War das der Anfang? Der Anfang vom Ende von Luckenwalde? Lukas hatte jetzt keine Lust, sich darüber Gedanken zu machen. Außerdem war die Musik zu schräg. Dann lieber Text:

Jürgen:

- Geboren in Bottrop
- Vater Stadtrat für die DKP
- Als Jugendlicher kleiner Ruhrgebietspunk mit eigener Band
- Früh ausgezogen, Hausbesetzer in Köln
- Startupgründer, Geschäftsmann, erfolgreich! Geld wie Heu und Koks wie Winter bis die New – Economy – Blase platzt.
- Lebt noch ein Jahr von dem Geld aus seinem Schuhkarton, den er bei seinem Vater versteckt hat.
- Umzug nach Berlin
- Sehr gesellig. Fast immer in der Baiz. Manchmal auch auf Arbeit. Manchmal amt.
- Jetzt verkatert in einem Raum mit Rechnern und Neonlicht:

Die Maßnahme

Wie ein Bächlein plätschern die Worte von Frau K. durch den ungeschmückten Raum mit dem U-förmigen Tisch, um den wir herumsitzen. Wir sind „totes Humankapital” und befinden uns in einer an das Arbeitsamt angeschlossenen Maßnahme, die wieder nützliche Mitglieder der Gesellschaft aus uns machen soll… weiter

Wer waren diese Leute`? Gab es die wirklich? Und was sollte das sein? Der Papst, seine Frau und sein Porsche? Geigerzähler jedenfalls brauchte man heutzutage. Jeder hatte einen. Was für ein blöder Name. Und was war das für ein Ding? Diese oder dieser „Baiz“? Wie sah es überhaupt aus, damals in diesem Berlin. So in etwa?

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