Kopfstand 2

[…was bisher geschah]

Während Lukas dieses Video schaute, hatte er gar nicht bemerkt, dass hinter ihm jemand stand: Antonio. Was ist das? Fragte er in seinem nuschelndem Spanisch und zeigte auf den klobigen Bildschirm, der vom Beginn des Jahrhunderts stammen musste. Kultur. Antwortete Lukas. Vorkriegskultur aus Berlin. Aha, sagte Antonio und verschwand in der Küche. Lukas öffnete den zweiten Ordner:

Was die für komische Layouts hatten. Die mussten ein ganz gutes Programm haben zur Imagination eines echten Schnipsellayouts auf echtem Papier. Echtes Papier hatte es in Luckenwalde nur noch selten gegeben. Opa hatte ihm ein paar Bogen gezeigt und Lukas hatte gestaunt. Aber es gab ja die Layoutprogramme und die waren schwer angesagt. Und was war das hier? Wieder ein Film:

Irgendwie auch ganz charmant, diese Unberschwertheit und Alberei. Der Zusammenhang war Lukas aber immer noch nicht klar. Er versuchte sich in die verworrenen Notizen herein zu lesen. Was dieser Grauberg da sollte konnte sich Lukas zum Beispiel wirklich nicht erklären.

Graubergs Zuhause

Grauberg hatte ein Zuhause und da fraß das Zuhause ihn auf.

Anfangs merkte er nichts. Er zog ein, strich sein Zimmer, baute sein Bett auf und wohnte da. Im Sommer war es warm und im Winter auch so einigermaßen, und im November stand ein leuchtendes Kürbisgesicht vor der Tür. Die Tür ging immer nur halb auf, weil soviel Krempel dahinterlag. Grauberg konnte Krempel nicht ausstehen, dachte sich aber, na ja, warten wir mal ab. Und sie warteten. […weiter]

Immerhin war da wieder dieser Jürgen. Der wurde der vom Arbeitsamt als Computerspezialist nach Finnland geschickt wurde. In ein Sägewerk. Diese Martina war auch wieder da; samt ihrer dieser Religion oder was das war. Und diesem Tempel „Healing & Feeling. Und einer Filiale davon, die McKarma hieß.

Irgendwie schien diese Martina in ihrem „Healing & Feeling“ Menschen zu heilen. Jedenfalls war dieser Bauunternehmer dort. Frettchenschläger hieß der. Der konnte nachts nicht schlafen, weil er nachts in seinen Träumen von diesen Dämonen verfolgt wurde. Die Dämonen waren – das kam erst langsam raus – rumänische Bauarbeiter die eine gigantische Shoppingmall gebaut hatten und immer noch auf Bezahlung warteten. Irgendwie hatte dieser Frettchenschläger auch eine Reithalle in Neustadt an der Dosse. Das war da in Nordbrandenburg und Lukas kannte das. Er hatte da mal in ein Wehrlager gemusst.

Behandeln ließ er sich von dieser Martina. In diesem Tempel. Dem Teuren natürlich. Er hatte ja Geld. Irgendwie ist es aber dann doch schiefgegangen. Diese Martina hat ihm anscheinend gesagt, dass er die Bauarbeiter bezahlen soll. Und das dann einer Freundin in der BAIZ erzählt. So ne Tante aus Sachsen. Die quatschte auch viel. Von früher und so.

Der freundliche Faschismus

Die Faschisten! Wir kennen sie von damals aus der grade untergegangenen Zone. Das waren diese Schlägertypen, die unsere Partys überfielen, deren Baseballschläger auf die Köpfe niederkrachten. Das waren diese Typen, wegen denen wir vorsichtig um die Straßenecke lugten, wenn wir – ganz junge Punks – durch ostdeutsche Kleinstädte oder die Plattenbaugebiete gehen mussten, was wir vermieden, wann immer wir konnten. […weiter]

Diese Tante mit dem ganzen unverständlichen Gelaber, muss das weitererzählt haben. Und der Frettchenschläger hats mitgekriegt. Und hat Martina fertiggemacht. Die Arme! Sie musste sogar das Haus in der Sredzkistr. verkaufen. War dann mehr in der BAIZ. Musste sie ja irgendwie runterspülen die ganze Scheiße. Zum ersten Mal fühlte Lukas Mitleid mit diesen Menschen aus dem goldenen Vorkriegsberlin.

Jürgen hat auch Pech. Er steckt seine Zugangskarte zu dem finnischen Sägewerk in einen gehäckten Computer woraufhin die Häcker dort eindringen und alle Wasserhähne aufdrehen. Millionenschaden! Jürgen wird verdächtigt, dass er das gewesen ist und landet in einem finnischen Knast. Da hatte er anscheinend viel Zeit, über sein Leben nachzudenken:

Träume von Empathie

Mit 20, da hatte ich noch Träume. Damals wollte ich ein Star werden. Auf Riesenbühnen vor 100000 Leuten spielen. So Woodstock-mäßig. Menschen bis zu Horizont. Menschen, Menschen, Menschen, Massen von Menschen. Alle würden eine Gänsehaut kriegen von MEINEN Gitarrensolos, MEINEM Feeling, MEINEM Ego. Und MEIN Allerinnerstes würde durch dieses Mikro zur Kunst. Kunst. KUNST! BÄH! Meine Gitarre würde ich zertrümmern in einer Gewaltorgie, die sich gewaschen hat. Und wenn ich aus dem Rausch erwache, würde ich mich betrinken am Toben der hunderttausend. Und MEIN Gefühl wäre so groß wie das Universum und MEIN Gefühl wäre MEIN Kapital. Danke! DANKE! TSCHÜSS! […weiter]

Am Ende haben die dann anscheinend noch Zugaben gespielt:

Während Lukas leicht schunkeln dieser Vorkriegsmusik lauschte, hatzte sich antonio wieder hinter ihn gerstellt. Beim 5. Lied tippte er Lukas auf die Schulter und zeigte auf seine Uhr. Zen nach dreiviertel Sieben! Lukas zog seinen Mantel an und rannte zum Container. Die Musik dudelte weiter vor sich hin während sich Antonio noch ein Spiegelei briet.

[Weiter mit dem Kopfstand Nr. 3]


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