Der dritte Kopfstand

[was bisher geschah]

Lukas war aufgestanden und trank Kaffee in der Gemeinschaftsküche des Containerlagers. Die Securities hatten ihn nicht hereinlassen wollen weil er eine Viertelstunde nach sieben angekommen war. Nach langer Diskussion war er dann doch hereingekommen. In der Gemeinschaftsküche hatte irgendwer seine Vorräte aufgegessen. Hungrig hatrte sich Lukas in das Sechsbettzimmer gelegt. Schlafen war schwierig, denn unter ihm war Werner und der schnarchte wie ein Sägewerk. Jetzt war Lukas so müde, dass ihn auch der Kaffee nicht mehr munter machern konnte. Trotzdem ging er zu Antonio. Was sollte er sonst mit diesem Tag an fangen. Dieser empfing ihn mit einem schiefen Lächeln und wies ihm wortlos einen seiner historischen Rechner zu. Komischer Typ, dieser Antonio. Warum der ihn ihn an seine Geräte ließ? Wahrscheinlich weil die sonst niemand benutzen wollte. Vielleicht war Antonio auch einfach einsam? Egal.

Wieder so ein Plakat und dann ein langer aber aufschlussreichen Text.

HANZ spielt immer hats geregnet.

PAUL: (geht durchs Publikum): „Guten Tag meine Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Jürgen, ich bin unverschuldet in Not geraten, Sie können mir helfen indem Sie mir ein Exemplar der Obdachlosenzeitung STRASSENFEGER abkaufen…“ usw.

HANS: „Jetzt übertreib mal nicht, komm mal lieber auf die Bühne, unsere Show fängt gleich an.“

PAUL kommt auf die Bühne.

HANS + PAUL: „Ok wir fangen an. Was bisher geschah:

HANS: „Martinas Karriere als Badmintonspielerin beim BV 57 Potschappel endete fast gleichzeitig mit der DDR. Da war Martina 16, hing in Dresden rum und wurde zuerst Straßenpunk, dann fundamentalistische Christin.Anschließend ging sie nach Berlin und wurde Djane (sie hat die fusion mitgegründet!). Danach entwickelt sie ihr kosmisches Bewußtsein und gründet die spirituelle Praxis „Healing & Feeling“ in der Sretzkystraße, gleich hier um die Ecke.“

PAUL: „Jürgen ist nach dem Scheitern seines New-Economy-Startups in den 90ern nach Berlin gezogen, und hat sich, nachdem die 600000 DM, die er noch in bar zuhause abgebunkert hatte, zur Hälfte verbraucht und zu anderen Hälfte der Euro-Umstellung zum Opfer gefallen sind, dem Studium des sozialen Abstiegs im Selbstversuch gewidmet. Hat‘s mit Grafikdesign versucht, hat aber auch nichts gebracht. Seit der Umstrukturierung in seinem letzten Callcenter ist er auf Hartz4.“

HANS: „Martina ist schon lange Stammgast hier in der BAIZ, guckt sich die Leute an und studiert ihre feinstofflichen Auren, und bei ‚Healing & Feeling‘ hat sie einen nicht ganz alltäglichen Klienten: dem zwielichtigen Berliner Baulöwen Andreas Frettchenschläger, der neuerdings unter Alpträumen und nächtlichen Panikattacken leidet.“

PAUL: „Jürgen ist schon lange Stammgast hier in der BAIZ, guckt sich die Leute an und denkt über sein verpfuschtes Leben nach. Eines Tages hat das Jobcenter tatsächlich einen Job für ihn: er wird nach Finnland vermittelt und fängt da als IT-Experte in einem Sägewerk an.“

HANS: „Martina hat Frettchenschläger nahegelegt, zur Reinigung seines Karmas mal seine Geschäftspraktiken zu überdenken. Frettchenschläger hat das als groben Vertrauensbruch gewertet, den Beratungsvertrag fristlos gekündigt und die Praxis unter wüsten Drohungen verlassen. Außerdem hat er einen Spitzel in die Baiz geschick und beim ersten Kopfstand mitbekommen, dass wir über ihn reden“

PAUL: „Das Sägewerk, in dem Jürgen arbeitet, wird nach kurzer Zeit Ziel eines Hackerangriffs, weshalb Jürgen sich zur Zeit in Helsinki in Untersuchungshaft befindet.“



Jürgen landet in Tegel. Er hat noch 80 Euro in der Tasche, das ist alles. Seine Prepaid-Karte ist aufgeladen. Telefonat im Bus:

„Ey Erwin, wie geht’s.

Du hattest doch noch ein Zimmer frei.
Nein? Nicht mehr?
Weißt du, ich komme grade aus Finnland, aus dem Knast. Das war eine Scheiße!
Ja, ich soll das Sägewerk gehackt haben und dann den BND.
Ja, totaler Quatsch! Aber dafür war ich 4 Monate im Knast! Jetzt ham se auch eingesehen,
dass ich einfach nur besoffen meine Scheiß Zugangskarte in den falschen Automaten gesteckt hab. Zum Glück bin ich wieder in Berlin. Ich fahr nie mehr nach Finnland!
Hast du ne Couch für mich? Ich weiß nicht so richtig, wo ich hin soll…
Nee? Gar nichts?
Ok, dann bis später.

3 Telefonate später: Es ist immer der selbe Text. Jürgen schaut auf die Uhr. Dreiviertel 4. In einer Viertelstunde öffnet die Baiz. Na los! Auf einen Kaffee. Mal sehen, vielleicht treffe ich ja irgendwen.

Nach zwei Kaffee, 4 Bier und zwei Glas Rum findet Jürgen eine Couch. Er kann eine Woche bei Ernst schlafen, dessen Tochter grade mit seiner Exfreundin verreist ist und sich eine neue Wohnung suchen. Schon mal ein Anfang. Hoffnungsvoll.

Eine Woche später: Jürgens Prepaidkarte ist alle, eine Wohnung hat er nicht. Wie auch? Die wollen 800 Euro für ein kleines Zimmer? Verrückt! Bei der einzigen Wohnungsbesichtigung mit passender Miete waren 80 Leute da. Jürgen ist gleich wieder gegangen. Von den 80 Euro sind auch nur noch 10 Übrig, obwohl er wirklich sparsam war. Immerhin hat er sich „Ohne festen Wohnsitz“ bei der Arbeitsagentur gemeldet. Wann das Geld kommt ist unklar. Jürgen kann für zwei Wochen bei Andrea unterkommen. Andrea ist eine Freundin von Ernst und ihre Untermieterin ist verreist. Ok, kostet 200 Euro. Vor 5 Jahren hätte Jürgen Andrea ausgelacht, aber jetzt? Jürgen beginnt, den Straßenfeger zu verkaufen. Das läuft. Jürgen kann reden und hat ein sympathisches Lächeln. Die Hälfte des Geldes legt er zurück. Die andere Hälfte tragt er in die Baiz. Hier haben sich Barkeeperinnen und Gäste so an seinen Anblick gewöhnt, dass ihn niemand mehr bemerkt. Jürgen fällt nur auf, wenn er der Letzte ist und kaum noch laufen kann…

DIE DIEBIN:

HANS: „Für Martina sieht‘s auch nicht so gut aus. Frettchenschläger hat sie verklagt. ‚Healing & Feeling‘ ist von einem Großaufgebot Bullen durchsucht worden, und alle Aufzeichnungen über ihre Klienten sind beschlagnahmt worden. Martina kann nicht weiterarbeiten. Es ist eine schwierige Situation. Martina muß den Tiger des Wandels reiten. Sie liest im Internet die ‚Sein‘.“

„SHOPPINGMALL, EINKAUFSCENTER, KAUFHAUS, WARENHAUS, EINKAUFSPARK, OUTLETCENTER…

…für mich alles der selbe langweilige Schrott. Konsumrobotertreffpunkte.Schnell rein und wieder raus.Weil irgendwo muss ick ja meine Schlüppa kaufen.
[…weiter]

HANS: „Irgendetwas stimmt nicht. Das war gar nicht die ‚Sein‘. Das war die Kommentarspalte des ‚Tagesspiegel‘ Wie konnte das passieren? Was ist mit ihr los?
Martina merkt, daß sie Frettchenschläger haßt. Sie versucht den Haß mit einem Lichtritual in Liebe zu verwandeln, aber das klappt nicht. Sie begreift das nicht. Das Lichtritual hat noch nie versagt. Zum erstenmal, seit Martina den spirituellen Weg eingeschlagen hat, ist sie ohne Wenn und Aber einfach nur ANTI. Einfach nur dagegen.“

HANS: „Martina schwankt zwischen Resignation und Wut. Die Resignation säuft sie in der BAIZ weg. Wen sie wieder nüchtern ist, kommt die Wut wieder. Was ist nur passiert?“

DIE DIEBIN – LIED

Kurz & Klein

Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen,
und dabei immer freundlich bleiben.

Auf dem Arbeitsamt, beim Bewerbungsgespräch,
beim G-8-Gipfel und bei der Nato-Konferenz,
da kannste gerne alles

Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen,
und dabei immer freundlich bleiben.

Aber nicht das Haltestellenhäuschen von der Bushaltestelle,
das ist doch sinnvoll irgendwie, denn das schützt uns gegen Regen.
Aber sonst kannste gerne alles

Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen,
und dabei immer freundlich bleiben.

In der Bundeswehrkantine, in der McDonalds-Filiale,
auf dem Truppenübungsplatz, bei der NPD-Zentrale
kannste gerne alles

Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen,
und dabei immer freundlich bleiben.

Aber nicht das Telefonhäuschen, das ist doch sinnvoll irgendwie
dort kannste telefonieren, wenn du mal einsam bist.
Aber sonst kannste gerne alles

Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen.
Kurz und klein schlagen, alles kurz und klein schlagen,
und dabei immer freundlich bleiben.

PAUL (geht betrunken durchs Publikum): „Guten Tag meine Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Jürgen, ich bin unverschuldet in Not geraten, Sie können mir helfen indem Sie mir ein Exemplar der Obdachlosenzeitung STRASSENFEGER abkaufen…“ usw.

Ein paar Tage später:

PAUL: „Jürgen sitzt jetzt in der BAIZ. Er hat da eine Frau gesehen, die ihm gefällt, aber er kriegt es nicht hin, auf sie zuzugehen“.

HANS: „Martina hat inzwischen in der anderen Ecke der BAIZ eine alte Freundin aus ihrer Dresdener Zeit wiedergetroffen“.

DIE DIEBIN erzählt, was sie so alles Martina erzählt: Blockupy, Antifa in der sächsischen Provinz, Rachepläne gegen Frettchenschläger, sie werden immer betrunkener….



HANS: „Hiermit unterbrechen wir unser Programm für die Verschwörungstheorie des Monats!

DIE SORBENVERSCHWÖRUNG

„Die Sorben sind ein Schweinevolk!“, sagten junge Sachsen meinem Cousin auf einem Zeltplatz in Tschechien. Warum nur, fragte mein Cousin und auch ich fragte mich, was denn so schlimm an diesen Sorben in der beschaulichen Lausitz ist. Heute, nach jahrelangen Nachforschungen weiß ich, dass die jungen Sachsen recht hatten.

Heute weiß ich…WARUM DIE SORBEN AM KRIEG SCHULD SIND: […weiter]

DIE DIEBIN: „Hört doch auf mit so ’nem Scheiß, schau Dich mal lieber um!“

PAUL (als Jürgen)(geht durchs Publikum)(total betrunken): „Guten Tag meine Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Jürgen, ich bin unverschuldet in Not geraten, Sie können mir helfen indem Sie mir ein Exemplar der Obdachlosenzeitung STRASSENFEGER abkaufen…“ usw.
PAUL fällt um und bleibt liegen.

PAUL (als Jürgen) steht auf: „Ich muß in die Baiz“. Geht auf die Flasche zu, die Martina darstellt. „Jetzt spreche ich sie an…“
(zu der Flasche, total fertig) „Guten Tag meine Damen und Herren, entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Name ist Jürgen, ich bin unverschuldet in Not geraten, Sie können mir helfen indem Sie mir ein Exemplar der Obdachlosenzeitung STRASSENFEGER abkaufen…“ usw.

PAUL & HANS: Lied „Langeweile“

Lukas flimmerten die Augen bei soviel Text. Immerhin war ihm klar geworden, dass das so etwas wie ein Drehbuch sein musste. Aber für was? Lukas schloss die Augen und schlief ein.


[Weiter gehts mit dem Kopfstand Nr. 4 ]


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