Kopfstand Nr. 4

[was bisher geschah]


Lukas

„Kessesso?“ fragt der Mann in der Uniform und hält mir das Plastikding unter die Nase. Ich weiß nicht was das ist. Von mir ist das nicht. Irgendwas technisches, vielleicht eine Art Globe, aber es macht überhaupt keine Anstalten sich auszufalten. Das Design ist auch völlig schwachsinnig. Ein normales Globe würde niemals so offensichtlich nach Technik aussehen. Ein silbergrauer Stab, wo was draufsteht…




… keine Ahnung was das heißt. „Agfa“, das heißt hier in Paraguay „Wasser“. Aber „GB“, das war doch England gewesen. Gibt es nicht mehr. Ist jetzt Asche. „Photo“ mit „Ph“, das sieht aus wie „Photonen“ -
„Spielt keine Rolle“, sagt der andere Mann auf Deutsch. Er trägt keine Uniform. Das ist Herr Illbruck, mein Physiklehrer aus Luckenwalde. Er hat noch einen Zweitjob bei der Erstaufnahme für Flüchtlinge in Paraguay. Ich freue mich. Jetzt wird alles gut. Er hat hier sogar Sonderrechte, denn er darf Zivilkleidung tragen. Ich frage mich nur, wie er das schafft, zwei Jobs auf zwei verschiedenen Kontinenten zu machen -
„Lapiz USB. antiquada“, sagt der zweite Mann. Er trägt jetzt auch eine Uniform und ist nicht mehr Herr Illbruck. Mein Herz wird wieder zusammengeklemmt. Hinter mir geht die Tür auf und jemand kommt rein und packt mich von hinten. Ich schreie.

Antonio

Zwischendurch muss ich auch mal ein bisschen raus, hatte ich gedacht, was selten vorkommt, aber jetzt hatte ich mal ein bisschen Bedarf an frischer Luft, sonst werde ich noch zum Maulwurf. Was zu Essen hatte ich auch nicht mehr, Bier noch 3 Flaschen, Kippen waren alle – also raus. Dienstag nachmittag kannst du auch einigermaßen unbehelligt durch Putacion laufen, weil die PAPACEDES-Leute sich gerade erst am Abend vorher abreagiert haben und jetzt einigermaßen satt sind. Ich ging also los. Am Mercado Cereal saßen Pedro und Ramon und tranken Bier. Pedro drückte mir eine Flasche in die Hand, und ich setzte mich dazu.
„Was macht dein Neckermann?“ Ramon natürlich wieder.
„Du kannst dir echt keine Namen merken, was?“
„So `ne Namen nicht.“
„Lukas heißt der. Ist doch nicht so schwer. Gibt auch Paraguayer, die so heißen.“
„Aber nicht so viele. Wie viele Namen soll ich mir denn noch merken?“
„Ist doch deine Sache. Ich kenne überhaupt keinen von denen außer Lukas.“
„Du kennst ja sowieso keinen. Du sitzt ja den ganzen Tag nur in deinem Keller und bastelst an deinen Neandertaler-Globes rum.“
Ich zucke mit den Schultern, weil mir nichts besseres einfällt. Wo er recht hat, hat er recht.
„Und was macht der denn jetzt?“ Das war Pedro.
„Lukas? Der sitzt bei mir zu Hause und guckt sich alte Filme an, aus Berlin vor dem Krieg. Hat `n USB-Stick dabeigehabt, weißt du was ein USB-Stick ist?“
„Nein. Interessiert mich auch nicht.“
„Datenspeicher. Die gab es von Ende der 1990er bis ungefähr –“
„I-n-t-e-r-e-s-s-i-e-r-t mich nicht. Was sind das für Filme? Berlin vor dem Krieg?“
„Na ja, er meinte so ‚vor das Berliner Krieg das Kultur‘ –“
„Spanisch kann er noch nicht so richtig, was?“ Ramon hängt sich echt an jedem Scheiß auf.
„Geht so. Ist ja auch egal. Der muss jetzt auch allmählich zurück in’s Camp, wegen der Ausgangssperre.“
„Wie, die haben Ausgangssperre? Auf Secondbrain erzählen alle, die kriegen sogar noch Taxis bezahlt, damit sie sich in Putacion bewegen können, ohne PAPACEDES-Leute zu treffen.“
„Du glaubst auch jeden Scheiß, der auf Secondbrain steht, was?“ Endlich kriege ich meine Revanche für den Spruch von vorhin. „Um 19 Uhr ist bei denen Schicht im Schacht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn die zu spät kommen, aber Lukas wird so ab halb immer ganz schön nervös.“
Ich trank den letzten Schluck Bier aus und ging weiter zum GranVia, bevor der zumachte.

Es kurz vor 9, als ich nach Hause kam. Ich ging die Treppe runter, schloß die Tür auf und stellte die Tüten mit den Lebensmitteln in der Küche ab. Aus meinem Zimmer hörte ich die Kisten rauschen. Lukas hatte sie offensichtlich nicht abgeschaltet. Ich war ein bisschen sauer. Normalerweise dachte er an sowas. Ich ging rüber ins Zimmer. Das Licht war an. Lukas hing im Sessel und schnarchte.
Ich packte Lukas an den Schultern. Er zuckte zusammen und schrie. Er musste einen richtig heftigen Schreck bekommen haben. Natürlich beruhigte er sich dann wieder, als er merkte, das ich es war und nicht irgendein Soldat oder PAPACEDES-Schläger oder was auch immer er gedacht hatte. Er blieb sogar ruhig, als ich ihm sagte wie spät es war. Immerhin hatte er seit 2 Stunden Ausgangssperre. Das schien ihm nichts auszumachen.

Lukas

Es war Antonio, der mich geweckt hatte. Ich war eingeschlafen. Komisch, dass man den absurdesten Quatsch träumen kann, ohne jemals auf die Idee zu kommen, dass man träumt. Vor allem wenn man schläft. Bis zu einem gewissen Grad geht das ja auch, wenn man nicht schläft. Wenn man ständig bei Secondbrain unterwegs ist, zum Beispiel. Egal. Jedenfalls hatte Antonio mich geweckt, und ich guckte wieder auf den Computer, der vor mir stand, und hörte das Lüftergeräusch und dieses komische Kratzen, das Antonios Geräte mal mehr, mal weniger von sich gaben, als wären sie kurz vor dem Verrecken. Das ist bei diesen Uraltkisten anscheinend normal.
Antonio sagte was mit „las nueve“, oder so ähnlich. Was es Neues gibt, wollte er anscheinend wissen. Es schien ihn wirklich zu interessieren, denn er sagte das ziemlich aufgeregt und schien ein bisschen verwundert zu sein, dass ich nicht auch aufgeregt war. Dabei versteht er doch sowieso kein Wort von diesen Geschichten. Ich nahm also das raton und blinzelte das nächste Symbol an. Mal gucken wie es weitergeht.

Versuche, noch einen Text oder ein Gedicht für die Festnahme zu schreiben.

Wo bauen wir Alexis und Leopold ein?

Start: Jürgen fällt im Rausch vom Baugerüst

Geht ja ziemlich verworren los diesmal, dachte Lukas. Vielleicht sind die Daten nicht mehr so gut erhalten… mal gucken, ob das Video noch läuft.


Er beschließt anschließend im Krankenhaus sein Leben zu ändern. J.
Findet einen Job als Stühlerücker beim G7 Gipfel in Elmau.

Währenddessen macht sich Jürgens alter Saufkumpel Klaus eher zufällig auf den Weg nach Bayern…

#################
Text über Klaus‘ Zugfahrt (Sarah)
#################

(TEXT: der bekannte von jürgen, klaus, kommt eher zufällig nach elmau. er hat nach der ersten Maidemo ein Zugticket nach garmisch-patenkirchen gefunden und beschließt im Suff, mal dahin zu fahren. In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai begegnen sich Klaus und Martina, Klaus lässt sie dann aber sitzen, um seinen Zug zu kriegen)

In der nächsten Zeit in der BAIZ.

Martina wird von Anja der alten sächsischen Punkerfreundin agitiert und
wendet sich zunehmend von der Esoterik ab und linksradikalen Ideen zu. Das
begründet sie aber erstmal esoterisch: „Loslassen und zu neuen Ufern
aufbrechen“.




Yeah. Das war ja harter Stoff. Lukas drückte seinen Kopf gegen die Sessellehne, schloss die Augen, holte einmal tief Luft und sackte beim Ausatmen zusammen. Was war da los gewesen? War das irgendwas, das wirklich passiert war, oder hatte sich das jemand ausgedacht? Irgendwelche Leute waren auf der Flucht. Der Typ, der gesprochen hatte, anscheinend nicht. Er redete von anderen Leuten. Ob von denen welche im Publikum saßen? Es klang eher wie eine Geschichte von weit weg. „Sie leben von Gedichten und Liedern“ – na ja, das taten sie im Lager auch, wenn man das, was sie bei den Interviews in Ciudad de Ferreteria als Fluchtgründe anführten, „Gedichte und Lieder“ nannte…

Währenddessen Jürgen im Hotel in Elmau:

Jürgen findet eine erfüllende neue Aufgabe in Elmau. Das Stühlerücken füllt ihn voll aus.
Währenddessen sind andere auch ziemlich voll…

####################
Text über Tom, den Goa-Elch (Sarah)
####################

(TEXT: Jürgen begegnet beim Stühlerücken im Außengelände vom Schloss in Elmau einem vertrippten Elch, der nach einer dreitägigen goa sein geweih im wald verloren hat und nun nach dem aufwachen den autospuren auf der lichtung gefolgt ist. der elch ist der festen überzeugung, dass ihm das geweih gestohlen wurde und nun im schloss elmau, das sich ganz in der nähe befindet, im empfamgsraum an der wand hängt (ist ihm schonmal passiert). jürgen verspricht, etwas verunsichtert (er dachte wie so viele, dass es keine elche in deutschlanbd mehr gibt), mal nachzusehen.)

ok, jetzt war anscheinend das meiste von den Daten nicht mehr lesbar, und es gab nur noch den ungefähren Handlungsverlauf. Immerhin war der Lapiz USB über 20 Jahre alt.

##################
ZEITUNGSMELDUNG
„Wütender Elchmob stürmt G7-Gipfel“ (Sarah)
##################

Jürgen packt während die Elche das Schloss stürmen seine Computerqualifikationen aus und hackt sich in das G7 – Intranet. Er tut das aus einer Mischung aus Langerweile, Geld verdienen wollen und Weltverbesserungsphantasien heraus.

ELCHE? Was machen die? Stürmen ein… Und was war der „G7-Gipfel?“ Lukas verspürte den Impuls, das Lapiz USB aus dem Computer zu ziehen und draußen auf der Straße in einem Gully zu versenken. Vergiss diesen Vorkriegsquatsch. Die hatten keine Ahnung vom Leben. Er entschied sich dann doch dagegen. Was hatte er hier schon zu tun, außer dieses Zeug zu lesen?

Erbeutet Dateien, die erstmal entschlüsselt werden müssen.

währenddessen martina auf dem weg nach elmau:

Sie kauft sich aber schon mal ein fertiges Szeneoutfit wie es in den 90ern
üblich war:

###############
Paul: Kapuzigeschichte
################

wird verdächtigt Zivibullette zu seion, als sie auch bei 30 Grad mit
schwarzem Kapuzi durch die Gegend läuft.
Anja rettet sie aus dem Schlamassel.

Als die Geschichte mit dem Elch-Mob an den Blockadepunkten ankommt, wird Martina, die mal eine Hausarbeit über Elche geschrieben hat, festgenommen, weil sie vor den cops mit klaus (über dessen wiedertreffen sie sich sehr freut, auch, wenn er sie wegen eines zugtickets sitzengelassen hat)  über elche und darüber, wie es sich wohl auf vier Beinen zu Goa tanzt, diskutiert.
Klaus hat, weil er kein Rückfahrticket gefunden hat, einen Monat im Wald gelebt und Elche beobachtet, dann wurde seine Ruhe durch die anreisenden G7-Gegendemonstrant*innen und die Helikopter der Cops gestört. Kein Mensch glaubt ihm, dass die letzten drei Tage vor dem Gipfel ein Dutzend Elche eine dreitägige Goa im Wald gefeiert haben und als martina festgenommen wird, weil sie zu viel über elche weiß, wird auch klaus mitgenommen und wegen der goa-geschichte und seinem „verwahrlosten“ zustand in die nächste psychiatrie eingewiesen – dieselbe, in der auch jürgen kurz darauf landet…

Währenddessen Jürgen nach der Arbeit in schäbiger Pension:

Verkauft die Daten an mafiöse Organisation, die feststellt, dass die Daten
wertlos sind. Es handelt sich um einen 400 Seiten langen bürokratischen
Papierkrieg zu den nunmehr entfallenden „Abrechnungsmodalitäten der Kosten
bezüglich der russischen Übersetzung“.

Auch die mafiöse Organisation bekommt das mit. J. hat die Daten aber schon
verkauft. Aus Angst vor der Mafia stellt sich J. bei der Polizei. Die
glaubt ihm nicht, weil die G7 Organisatoren und ihre Geheimdienste nicht
zugeben wollen, dass das Intranet gehackt wurde. J. weigert sich, die
Polizeidienststelle in Elmau zu verlassen und provoziert Schlägerei. Die
Polizei bringt ihn in die nächste psychatrische Klinik

Psychiatrische Klinik, dachte Lukas. Da wärt ihr gut aufgehoben gewesen.

Von hinten tippte ihn Antonio an und sagte etwas mit „schlafen“, und „toque de queda“. Ausgangssperre.
Ach du Scheiße. Daran hatte er gar nicht gedacht. Er hatte keine Ahnung, wie lange er zwischendurch geschlafen hatte und wie spät es jetzt war.
„Halb 11″, sagte Lukas. Das hieß, er konnte nicht mehr raus. Jedenfalls wäre das ziemlich riskant, um diese Tageszeit als „Neckermann“ alleine durch Putacion zu laufen.
Antonio sagte noch mal den Satz mit „schlafen“ und zeigte auf sein Sofa.


- Fortsetzung folgt –


0 Antworten auf „Kopfstand Nr. 4“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf × = zwanzig