ES WIRD HELL

[HANS (als bekiffter Jürgen) liest einen philosophischen Höhenflug.]

„Wer Hiob zuerst in die Kiste kriegt“, sagte Satan mit dem unverschämtesten Grinsen, das er aufbieten konnte, und knallte einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch, dass es nur so schepperte.
Gott ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die unübersehbar zur Schau getragenen schlechten Manieren seines Gesprächspartners war er gewohnt. Er schüttelte nur leicht amüsiert den Kopf und legte seinen eigenen Hunderter neben den seines Kontrahenden, ohne die bequeme zurückgelehnte Sitzposition auf seinem liebgewonnenen Biedermeier-Sofa aufzugeben.
„Monsieur – ich bin überaus neugierig, Ihr Spiel kennenzulernen“, sagte Gott und gab Hiob in die Hand Satans wie ein Spielzeug, das er lang genug besessen hatte, um es trotz des Wohlgefallens, das er immer noch daran empfand, dem Risiko des Verlustes auszusetzen, wenn der Fortgang eines vergnüglichen Abends dies erforderte.

Diese beiden Gentlemen sind natürlich die Guten. Daran besteht kein Zweifel. Sie wissen um die feineren Details des guten Benehmens. Sie sind Kavaliere. Sie helfen den Damen in die Mäntel und halten ihnen die Tür auf. Sie stellen sich in der Schlange am Büffet hinten an und führen, bis sie an der Reihe sind, eine geistvolle Unterhaltung mit den neben ihnen Stehenden. Sie können das machen, weil sie nicht wirklich Hunger haben.
Leute, die wirklich Hunger haben, machen sowas nicht. Leute, die wirklich Hunger haben, nerven. Sie kennen die Regeln des Anstandes und der guten Sitte nicht – und falls sie sie wider Erwarten doch kennen, dann ist es ihnen kaum möglich, sie zu befolgen, denn sie müssen unbedingt etwas zu Essen bekommen. Sie drängeln sich in der Schlange vor. Sie benutzen ihre Ellbogen in auffälliger und Anstoß erregender Weise, aber mit überaus mäßigem Erfolg.

Echte Gentlemen benutzen ihre Ellbogen immer so, dass du gar nichts davon merkst. Du merkst nur, dass du plötzlich in der Ecke liegst und dich so fühlst, als hättest du einen Stoß in die Rippen bekommen. Du weißt nicht was passiert ist, aber dann ist da dieser nette Herr, der in der Schlange hinter dir steht, reicht dir die Hand, hilft dir auf und erkundigt sich in vorbildlich dezentem Tonfall, jegliches Aufsehen vermeidend, nach deinem Befinden. Du lässt es zu, dass er die Rückseite deiner Jacke in Augenschein nimmt und gegebenenfalls vorhandenen Staub mit ein paar unauffälligen Handbewegungen entfernt, bevor er dich wieder in die Selbständigkeit entlässt. Du drehst dich wieder in Richtung der Schlange und stellst fest, dass der nette Herr nunmehr vor dir steht.
Die Tatsache, dass du jetzt ein kleines bisschen länger wirst warten müssen, bis du das Essen erreichst, lässt sich verschmerzen – dir selbst ist das Magenknurren ja ein langjähriger, beinahe liebgewonnener Weggefährte. Anderen hingegen, die eben dieses Knurren aus ihrem eigenen Bauch zu vernehmen nicht gewohnt sind, gilt es als eklatanter Verstoß gegen die guten Sitten, körperliche Bedürfnisse, die wir mit allen Tieren teilen, in einer so penetranten Weise, wie dein Magen es tut, unüberhörbar der Umgebung kundzutun. Schon sind im Stimmengewirr der Anwesenden Mißfallenskundgebungen wie „Unverschämtheit“, „Was der sich herausnimmt“ oder „bei uns zuhause hätte es das nicht gegeben“ zu vernehmen. Die Wichtigkeit guten Benehmens findet Erwähnung. Spätestens jetzt wird dir bewusst, dass dir ganz entscheidende Voraussetzungen fehlen, um dich sicher auf dem Parkett zu bewegen, auf dem du dich gerade befindest. Denn das ist eins der wenigen Dinge, die du über gutes Benehmen gelernt hast: Wenn du erst einmal anfängst, dir darüber Gedanken zu machen, dann ist es zu spät.

Wenn auch nicht angenehmer, so doch zumindest weit weniger demütigend sind dagegen jene Abende, an denen die stärkeren unter deinen Zeitgenossen ihre Ellbogen mit unverhüllter Rücksichtslosigkeit gebrauchen und dir, wenn du dann am Boden liegst, noch mit ihren dreckigen Schuhsohlen die Jacke versauen. Denn dreckige Schuhsohlen sind doch das, was uns alle, die wir auf der Erde wandeln, letzten Endes miteinander verbindet. Das unverkennbare Markenzeichen all derer, die keine Engelsflügel besitzen, und die sich nie zu schade waren, sich ihren Weg durch den Schlamm und Morast des irdischen Daseins in mühsamen Schritten zu bahnen. Dreckige Schuhsohlen sind das, auf das du, wenn du erst am Boden liegst, deinen Nachbarn, der neben dir am Boden liegt, aufmerksam machst: „Guck mal! Siehst du die dreckigen Schuhsohlen? Der da auf uns rumtrampelt, hat dreckige Schuhsohlen, genauso wie wir, guck doch mal!“. Und dann liegt ihr beide in euren dreckiggetretenen Jacken auf dem Boden, während auf euch herumgetrampelt wird, aber ihr wisst, das am Ende alles gut wird, denn er ist ja einer wie ihr.

Aus dem 19. Kopfstand. Der Text ist vom Papst. Der 20. Kopfstand findet am 2. 2. 2017 in der BAIZ statt.


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