Drei bescheuerte Kleinkünstler IV

Teil 4

[zum Anfang]

Ein Gnu trat aus dem Gebüsch. Es hatte Hörner aus Aluminium.
„Hallo, hallo“, sagte das Gnu, „ich bin Gernot das Gnu und ich komme vom Back to the roots-movement und muss mit der FAE reden, dringend, dringend….!“
Och nö.
„Jaja ich weiß“, sagte Sahara.
„Das weißt du schon? Wahnsinn. Weißt du schon bescheid über die unterirdischen Eisbärenfarmen? Die gehen von Berlin bis nach Sachsen. Knut war gar nicht der, für den ihn alle hielten… Denn die Sowjetunion….“
„Ich hab jetzt keine Zeit für so nen Scheiß“, sagte Sahara. „Der Kopfstand ist eine ernsthafte und höchst seriöse kulturelle Veranstalungsreihe… ich muss weiter. Ciao.“
„Aber…aber…“ Sahara ließ das Gnu auf der Lichtung stehen. So was Bescheuertes.
Sahara machte einen großen Fehler, als sie einfach so alleine weiterwanderte. Wie sollte sie denn Ideen für den Kopfstand finden, wenn Hanz und Paul nicht dabei waren. Der dunkle Schatten des bescheuerten Kleinkünstlers, der so wahnsinnig lachte, kam näher und näher.

Sahara war schon so weit gewandert, dass sie nicht mehr wusste, wo sie sich befand. Wo ihr der Kopf stand, wusste sie sowieso schon lange nicht mehr. Sie hatte einige Kopfstand-Charaktere getroffen, doch irgendwie war nichts Gutes dabei herausgekommen. Jürgen Kadeweit schwafelte nur noch von Lenin und der Sache hing ansonsten bekifft auf einem Baum, Anja suchte verzweifelt ihren Laptop, Martina suchte Anja, Tom hatte es unglaublich eilig, weil er eine Bewerbung schreiben und danach die Eisbären suchen musste, Shadia suchte Gernot das Gnu, um es zu verprügeln und Gernot das Gnu allein war für den Kopfstand nicht zu gebrauchen. Und niemand, wirklich niemand hatte eine Idee für eine Idee.
Sahara überlegte, sich kurz hinzulegen und ein Nickerchen zu halten, da hörte sie ein markerschütterndes Knurren und ehe sie sich versehen konnte, kam ein kleines, buckliges Monster auf sie zugesprungen. Verdammt. Ein verrückter Kleinkünstler-Zombie. Wahrscheinlich war er ihr schon die ganze Zeit gefolgt. Der Zombie sah aus wie sie, nur fertiger und kaputter und verrückter. Das konnte nichts Gutes bedeuten.
„Aaaaaah. Lesebühnen-Frischfleisch“, schrie er
„Halt!“, rief Sahara, „was ist deine Backstory?“
„Öhm…“, der Zombie überlegte. „Das ist doch nicht wichtig.“
„Doch. Jeder Antagonist braucht eine Backstory, du kannst ja nicht einfach so böse sein.“
„DOCH! KANN ICH! AAAAAH! ICH BEIß DICH JETZT!“
Der Kleinkünstler-Zombie rannte auf Sahara zu.
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, dachte sie sich. „Jeder Charakter braucht eine Backstory, ein Want und ein Need, eine Fallhöhe haben; und das Auftauchen muss doch bitteschön auch ins dramaturgische Konzept passen…“ Es war wirklich auf Nichts mehr Verlass.
Sahara schloss die Augen und wartete auf den alles vernichteten Biss. Dann würde sie eben bis ans Ende aller Tage als verrückte Kleinkünstlerin durch den Wald laufen. Doch was würde mit den Elchen passieren? Nein. Das konnte sie nicht zulassen. Sie brauchte eine schlechte Idee, um sie dem Zombie um die vermoderten Ohren zu hauen. Schnell.
Und da war es. Ein kleines Aufblitzen in ihrem Gehirn. Und dann kam er. Das schlechteste Gedicht aller Zeiten:

Ich sitze zuhause
und muss etwas schreiben
ich pflück mir ein brause
und schneide sie in scheiben
ich dreh mir einen blumenstrauß
aus einer kleinen bratpfanne
und rauche eine pizza
in meiner grünen badewanne

Der Zombie stockte und krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen.
„Oh Gott, damit traust du dich auf die Bühne? Sag, dass das nicht wahr ist…“

der schraubenzieher
ist angeschaltet
doch die tischdecke ist aus
ich bestell mir pflaster
aus dem krankenhaus
und da ist nun der salat
er kommt mit dem taxi
und er redet mit hüten aus wachs
ich schmeiß die
wochentage weg
den sie sind von gestern
und treffe mich mit pappkartons
um über plastik abzulästern
eisbein wird aus eisbären gemacht
hätt ich auch nicht gedacht
aber is halt so
ich finde 1 sollte eine primzahl sein
alle anderen primzahlen sind es doch auch
is doch mega gemein
nicht alle kleinkünstler sind klein
aber manche schon
aber alle sind künstler
oder tun zumindest so
ein waschbecken ist kein klo
außer es wird in zukunft so definiert
yo yo yo ähm….

Der Zombie bäumte sich auf, schlug die Hände vors Gesicht.
„Oh nein, nein, das ist grausam…“
Und dann platzte sein Kopf wie eine überreife Tomate.

[weiter zum 5. Teil]

Aus dem 19. Kopfstand. Text von Sahara. Nächster Kopfstand am 2. 2.


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