Archiv für Mai 2020

Shadia auf dem Rosa Luxemburg Platz

Aus aktuellem Anlass:

Shadias, die geweihtragende anarchistische Elchkuh, wusste auch nicht so genau, warum sie zum Rosa Luxemburg Platz gegangen war. Wollte sie mit dem Grundgesetz im Huf gegen die Maskenpflicht demonstrieren? Sicher nicht, obwohl ihr die Aussetzung bürgerlichen Freiheiten schon Angst machte. Wollte sie schauen, ob Gernot das Gnu aus den Kopfständen irgendwo im Zehnerbereich eine wertvolle Theorie zum Coronavirus hatte? Etwas mit Eisbären? Vielleicht. Den esoterischen Skinheads erzählen, dass es schlecht fürs Karma wäre mit dem „Volkslehrer“ eine Demo zu teilen? Verstrahlten Hippies dabei zuschauen, wie sie sich mit antisemitischen Verschwörungsideologien vollsaugten wie der Spülschwamm in der Abwaschbrühe? Ein bisschen, auch wenn das kein Spaß war. Da stand sie nun und schaute zu, wie Menschen, mit denen sie vor ein paar Jahren noch Nazikneipen entglast hatte, gemeinsam mit Vertretern des rechtsoffenen bis offen rechten Verschwörungsmilieus mit Grundgesetzen wedelten und von den Bullen in die Seitenstraßen gedrängt wurden. Sie konnte förmlich mit ansehen, wie sie in diesem Sumpf versanken und wusste: Es würde sinnlos sein, mit ihnen zu diskutieren, denn für Argumente war hier kein Platz. Es waren wenige, zum Glück.

Sie konnte jedenfalls nicht einfach sagen, dass das alles rechte Arschlöcher sind. So einfach war es nicht. Die Reichweite dieser Versammlung ging tief in ihr eigenes, ins linksalternative Milieu hinein. Selbst zu Hause im besetzten Grunewald diskutierten Einige darüber, zu dieser Demo zu gehen. Das machte es nicht besser. Wenn die Verschwörungsheinis und Rechten unter sich wären, dann wären sie unangenehm aber ein eingrenzbares Problem. Aber das hier waren nicht nur die üblichen Verdächtigen, die mit der NWO, der jüdischen Weltverschwörung oder den Echsenmenschen. Das war attraktiv, hatte breite Streuwirkunng und Shadia ahnte warum. Die physische Distanzierung war für viele Leute kaum auszuhalten – das betraf sie auch. Kein Wunder, dass sich Einige an jedem Strohhalm festhielten, der ihnen aufzeigte, sie wäre unnötig und womöglich Mittel einer bösen, von außen kommenden Macht um sie zu versklaven. Das Unterbrechen des Alltags, kombiniert mit der Unsicherheit wie es weitergehen würde, brachte weitere Kollateralschäden mit sich – psychische und physische. Und niemand da für eine Umarmung. Niemand da für so etwas wie progessive Kollektivität in Zeiten der Verwirrung. Kein Halt nirgends. Die Rechten, die Verschwörungsheinis und die rechten Verschwörungsheinis mit vollen Segeln im Wind dieser allzusehr nachvollziehbaren Frustration – das würde böse enden. Shadia konnte es jetzt schon sehen. Aber sie hatte keine Antwort. Sie wusste, die Antwort müsste mehr sein als das einfache „Ihr seid doch bescheuert und Faschisten obendrein“. Das wäre nicht falsch, damit würde sie aufrecht gegen die Welle stehen – immerhin – aber sie würde die Welle nicht brechen. Vielleicht müsste sie am Gefühl ansetzen, an der Angst, der Vereinzelung, der Isolierung, der Verlorenheit. Aber wie?

Shadia wusste es nicht, schaute sich noch einmal um und trabte von dannen. Nach Westen diesmal. So wie die rote Armee vor 75 Jahren. Die hatte damals die Probleme gelöst. Jetzt war keine Rote Ame mehr da. Schade eigentlich, dachte Shadia und wusste zugleich, dass auch das nur Ausdruck ihrer Hilflosigkeit war. Sie hätte gern eine Lösung aus dem Huf geschüttelt. Aber welche?

GZ

(Aus Kopfstand 48 vom 7. Mai 2020)