Archiv der Kategorie 'Texte'

Vom Kopf auf die Füße

„Sehr geehrte Reisende,

vielen Dank, dass ihr euch für Kopfstand-Kreuzfahrten entschieden habt. Ihr werdet es nicht bereuen. Denn: Ihr habt gewonnen! Dies ist nicht nur eine Kreuzfahrt – dies ist eine Reise, eine Reise, die vor 50 Folgen begonnen hat und die nun endlich ihr Ziel erreichen wird! Ihr werdet euch fragen – was zur Hölle ist denn das Ziel? Eine gute Frage! Dazu kann ich nur sagen: Schaut in eure Einladungen. Habt ihr gemacht, werdet ihr sagen. Gut, sage ich. Was genau bedeutet das, werdet ihr Fragen. Eine gute Frage! Hier kommt die Antwort.
Dieses Schiff, liebe Reisende, fährt bis ans Ende der Welt und noch viel weiter. Dahin, wo niemand jemals hinzufahren wagte. Dahin, wo eure Träume wahr werden. Das ist keine Untertreibung. Ihr alle habt einen Traum, das wisst ihr mindestens genau so gut wie wir. Natürlich habt ihr alle verschiedene Träume. Doch an dem Ort, zu dem wir fahren, spielt das keine Rolle mehr. Sehr geehrte Reisende, mit jeder Tür, die sich am BER öffnet, fällt im Terminal gegenüber ein Klopapierhalter aus der Wand. Mit jeder Treppe, die zu lang ist, ist irgendwo anders eine zu kurz. Für jeden Kreisverkehr ohne Zufahrtsstraßen gibt es einen mit zu vielen. Und für jede rechtsextreme Polizei-Chatgruppe, die geleakt wird, gibt es einen weiteren Linksextremismusbeauftragten. Was ich sagen möchte: Auch, wenn alles überhaupt nicht danach aussieht – alles, was geschieht, ist richtig. Man muss nur die falsche Perspektive haben und dann fügt sich eines zum anderen.
An dem Ort, an den wir fahren, werden solche komplizierten philopsophischen Gleichnisse jedoch nicht mehr nötig sein. Das Ende der Welt ist ein Ort voller Frieden, voller Utopie, voller Glück. Und wir haben mittlerweile fast einen sehr genauen Plan, wie der Weg dorthin aussehen könnte. Ihr seid jetzt frei. Ihr seid frei, ihr seid auf dem Weg ins Glück, niemand wird euch mehr vorschreiben, ich wiederhole, niemand wird euch mehr vorschreiben, was in eurem Leben passiert. Ihr verlasst die Behaglichkeiten von Lesebühne und Storyline und brecht auf in ein selbstbestimmtes Leben, voll Freiheit, aber auch voll Verantwortung. Wir hoffen, unser Trainigsprogramm konnte euch gut darauf vorbereiten. Wir haben unser Bestes gegeben. Sehr geehrte Reisende, genießt die Fahrt. Lasst es euch gut gehen und tankt Kraft. Ihr habt es euch wirklich verdient. Alles kommt, wie es kommen muss.“

Sahara B.

Zum Glück kein Nafri

Zwischen U-Bahn und S-Bahn sitzt ein dicker bärtiger Mann auf einem Stück Pappe. Über ihm ein Vordach eines Geschäftes, vor ihm Schneeregen. Der Mann sieht aus wie Sigmar Gabriel mit einem etwa einen Monat altem Bart. Neben ihm ein zottliger Schäferhund. Vor den beiden steht ein Pappbecher mit Kupfermünzen.
Hund: „Fliese…“
Fliese: „Psst…“
Hund: Ich hab Jürgen gesehen. Jürgen Kadeweit.
Fliese: Was?
Hund: Da hinten. Der mit den roten Plakaten.
Fliese: (zischt und zieht sich seinen Schal ins Gesicht): Du sollst nicht immer reden. Was sollen denn die Leute denken, wenn der Hund plötzlich quatscht. Dann denken die doch gleich, dass du der Wolf bist, der aus dem Tierpark ausgebrochen und als mein Hund durch die Razzia durchgeschlüpft ist. Und jetzt still! Wenn wir erkannt werden, sind wir geliefert!
(mehr…)

ES WIRD HELL

[HANS (als bekiffter Jürgen) liest einen philosophischen Höhenflug.]

„Wer Hiob zuerst in die Kiste kriegt“, sagte Satan mit dem unverschämtesten Grinsen, das er aufbieten konnte, und knallte einen Hundert-Euro-Schein auf den Tisch, dass es nur so schepperte.
Gott ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die unübersehbar zur Schau getragenen schlechten Manieren seines Gesprächspartners war er gewohnt. Er schüttelte nur leicht amüsiert den Kopf und legte seinen eigenen Hunderter neben den seines Kontrahenden, ohne die bequeme zurückgelehnte Sitzposition auf seinem liebgewonnenen Biedermeier-Sofa aufzugeben.
„Monsieur – ich bin überaus neugierig, Ihr Spiel kennenzulernen“, sagte Gott und gab Hiob in die Hand Satans wie ein Spielzeug, das er lang genug besessen hatte, um es trotz des Wohlgefallens, das er immer noch daran empfand, dem Risiko des Verlustes auszusetzen, wenn der Fortgang eines vergnüglichen Abends dies erforderte.
(mehr…)

Kopfstand Nr. 4

[was bisher geschah]


Lukas

„Kessesso?“ fragt der Mann in der Uniform und hält mir das Plastikding unter die Nase. Ich weiß nicht was das ist. Von mir ist das nicht. Irgendwas technisches, vielleicht eine Art Globe, aber es macht überhaupt keine Anstalten sich auszufalten. Das Design ist auch völlig schwachsinnig. Ein normales Globe würde niemals so offensichtlich nach Technik aussehen. Ein silbergrauer Stab, wo was draufsteht…

(mehr…)

Der dritte Kopfstand

[was bisher geschah]

Lukas war aufgestanden und trank Kaffee in der Gemeinschaftsküche des Containerlagers. Die Securities hatten ihn nicht hereinlassen wollen weil er eine Viertelstunde nach sieben angekommen war. Nach langer Diskussion war er dann doch hereingekommen. In der Gemeinschaftsküche hatte irgendwer seine Vorräte aufgegessen. Hungrig hatrte sich Lukas in das Sechsbettzimmer gelegt. Schlafen war schwierig, denn unter ihm war Werner und der schnarchte wie ein Sägewerk. Jetzt war Lukas so müde, dass ihn auch der Kaffee nicht mehr munter machern konnte. Trotzdem ging er zu Antonio. Was sollte er sonst mit diesem Tag an fangen. Dieser empfing ihn mit einem schiefen Lächeln und wies ihm wortlos einen seiner historischen Rechner zu. Komischer Typ, dieser Antonio. Warum der ihn ihn an seine Geräte ließ? Wahrscheinlich weil die sonst niemand benutzen wollte. Vielleicht war Antonio auch einfach einsam? Egal.

Wieder so ein Plakat und dann ein langer aber aufschlussreichen Text.

(mehr…)